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Thema: Steinkohle/Kohlekraftwerke
Greenpeace leidet unter Leseschwäche„Keine Lücke in der Stromversorgung“, frohlockt Greenpeace und verweist auf eine vom Aachener Ingenieurbüro Eutech erstellte Studie.
Neue Kohlekraftwerke oder verlängerte Laufzeit von „Dreckschleudern“?Gleichwohl ist richtig, dass die Eutech im Gegensatz zur Dena auch ohne zusätzlichen Bau von fossilen Kondensationskraftwerken eine ausreichende Deckung der erwarteten Lastspitze für 2020 errechnet. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Den gesicherten Leistungsbeitrag der „Bestandsanlagen“ des Kraftwerksparks berechnet Dena mit leicht über 40 GW, während ihn Eutech mit fast 47 GW beziffert. Um dies zu erreichen, wurde in der Rechnung der Aachener die Laufzeit der bestehenden Braunkohlekraftwerke gegenüber den Dena-Annahmen um fünf auf 45 Jahre heraufgesetzt. Dafür rechnet die Eutech lediglich mit einem Leistungsbeitrag des Kraftwerksneubaus von etwas über 8 GW, während es bei Dena rund 15 GW sind. In der Summe stehen für 2020 bei Eutech 8,7 GW an „Überkapazität“ einer von Dena errechneten „Deckungslücke“ von 11,7 GW gegenüber. Ist damit also die Dena-Studie widerlegt? Keineswegs, auch wenn man den Eutech-Argumenten durchaus folgen kann. Doch kann man sich bei der Planung des künftigen Kraftwerksparks auf die optimistischen Annahmen der Eutech stützen oder ist man mit einer skeptischen Vorgehensweise der Dena nicht auf der sichereren Seite? Dena und Eutech: Ähnliche Ergebnisse, unterschiedliche SchlussfolgerungenBerücksichtigten muss man vor allem, dass die Aachener im Grunde Kohlers Warnung bestätigen: Ihre Bilanz geht deshalb auf, weil sie eine längere Laufzeit alter Braunkohlekraftwerke und damit einen höheren CO2-Gesamtausstoß hinnehmen. Kontrovers sind also nicht die sachlichen Aussagen der beiden handwerklich solide erstellten Gutachten, sondern die Bewertung der Konsequenzen für den Klimaschutz. Im Eutech-Gutachten heißt es dazu in Bezug auf die Festlegung der zukünftigen Emissionsobergrenzen im EU-Emissionshandel: „In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Existenz eines vergleichsweise jungen Kapitalstocks von sehr emissionsintensiven Anlagen, die die Erzeugungsstruktur für weitere 30 - 40 Jahre festlegt, die Definition ambitionierter Emissionsziele erheblich erschweren wird. Hingegen werden durch die Ertüchtigung einzelner Bestandsanlagen für wenige Jahre diese Emissionsziele prinzipiell nicht gefährdet. Eine im Rahmen des Emissionshandels durchgeführte Verlängerung der Betriebszeit fossiler Bestandskraftwerke kann – falls dies erforderlich sein sollte – kurzfristig (d.h. deutlich kurzfristiger als ein Kraftwerksneubau) und für einen begrenzten Zeitraum erfolgen.“ Ähnlich argumentieren die anerkannten Energieexperten Felix Christian Matthes vom Öko-Institut und Hans-Jürgen Ziesing, früherer führender Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Doch taugt dieses Argument für eine prinzipielle Ablehnung neuer Kohlekraftwerke, auf die sich die Umweltverbände wie Greenpeace, BUND und Deutsche Umwelthilfe sowie unter den politischen Parteien die Grünen fast schon dogmenhaft festgelegt haben? Dagegen sprechen mindestens drei Argumente. Erstens: Die CO2-intensive Laufzeitverlängerung alter Kohlekraftwerke verschiebt nur die Probleme, denn auch 2025 und 2030 wird sich die Stromversorgung nicht vollständig auf Erneuerbare und Kraft-Wärme-Kopplung stützen können. Die dann nicht mehr verfügbaren alten fossilen Kraftwerke und die letzten abgeschalteten Atommeiler müssten also zumindest zum Teil durch neue fossile Kraftwerke ersetzt werden. Ist es dann nicht klimapolitisch vernünftiger, den nötigen Bau effizienter Kraftwerke schon jetzt zu fördern statt ihn zu verzögern? Zweitens: Im liberalisierten Markt kann kein Unternehmen ein Kohlekraftwerk für 40 oder 50 Jahre kalkulieren. Die Anlagen werden sicher so konzipiert, dass sie spätestens in 15 Jahren ihr Geld verdient haben. Ein abgeschriebenes Kraftwerk zurückzufahren, wenn die Preise der CO2-Zertifikate zu hoch werden und die CO2-Abscheidung nicht verfügbar wird, dürfte dann die wirtschaftlich logische Konsequenz sein. Muss die Politik den Unternehmen dieses Wirtschaftsrisiko abnehmen? Darf die Politik anderseits den Investoren eine profitable wirtschaftliche Betätigung untersagen, wenn diese alle gesetzlichen Vorschriften – einschließlich der Begrenzung der CO2-Emissionen – einhalten? Drittens: Bereits bei der Festlegung der nationalen Allokationspläne für die zweite Handelsperiode hat sich Brüssel als erstaunlich standhaft gegenüber den Wünschen der (deutschen) Stromlobby erwiesen. Von der ab 2013 geplanten vollständigen Versteigerung der Zertifikate wollte zwar Bundeswirtschaftsminister Michael Glos Ausnahmen für neue Kraftwerke durchsetzen, doch ist er damit schon bei seinem Umweltkollegen Sigmar Gabriel abgeblitzt. Eine Aufweichung der EU-Klimapolitik wegen einiger neu gebauter Kohlekraftwerke in Deutschland ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Politik sollte sich auf ihre Aufgaben konzentrieren, zu denen die Festlegung der zur Verhinderung eines Klimawandels notwendigen CO2-Obergrenzen gehören. Ein politisch verordneter Ausschluss der Kohle aus der Stromversorgung kann mit Klimaschutz aber nicht überzeugend begründet werden, auch nicht durch die von Greenpeace vorgelegte Studie. Autor: Jan Mühlstein |
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