Sitemap
Seite durchsuchen
Seite drucken
powernews.org kostenlos testen!
Einloggen in powernews.org
HomeEnergie News | Energie NachrichtenSpotchartsVertriebs-MonitoreE&M Power-LinksFree ArchiveGlossarE&M-SchnupperkursPayPerNewsProfilPublikationenStudienShopDienstleistungenMediadatenKontaktImpressummyE&MStellenmarktTermine / enerCAL
HomeEnergie News | Energie NachrichtenSpotchartsVertriebs-MonitoreE&M Power-LinksFree ArchiveGlossarE&M-SchnupperkursPayPerNewsProfilPublikationenStudienShopDienstleistungenMediadatenKontaktImpressummyE&MStellenmarktTermine / enerCAL
Finden Sie alle Inhalte aus
E&M / powernews.org

Thema: Steinkohle/Kohlekraftwerke

 

Greenpeace leidet unter Leseschwäche

„Keine Lücke in der Stromversorgung“, frohlockt Greenpeace und verweist auf eine vom Aachener Ingenieurbüro Eutech erstellte Studie.


Die neue Untersuchung habe widerlegt, dass ohne Kohle- und Atomenergie Deutschland 2020 eine Stromlücke drohe, wie es die Deutsche Energie-Agentur (Dena) behauptet, heißt es auf der Internetseite von Greenpeace. Damit beweisen die Kampagnemacher der Umweltschutzorganisation allerdings nur, dass sie weder die im März vorgelegte Dena-Kurzanalyse der Kraftwerks- und Netzplanung in Deutschland noch die von Greenpeace in Auftrag gegebene und nun Mitte September veröffentlichte Gegenstudie der Eutech richtig gelesen haben.


Der erste Lesefehler: Die Dena hat eine Deckungslücke, nicht eine Stromlücke prognostiziert, was kein semantischer, sondern ein inhaltlicher Unterschied ist. Ihre im Auftrag der Stromkonzerne untersuchte Fragestellung war, ob angesichts der Altersstruktur des vorhandenen Kraftwerksparks und des beschlossenen Atomausstiegs 2015 beziehungsweise 2020 genügend gesicherte Kraftwerkskapazitäten zur Deckung der Stromhöchstlast vorhanden sein werden. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir bei der Höchstlast im Jahr 2020 in ein Leistungsdefizit von 12 000 MW laufen“, fasste Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler im Mai im Gespräch mit Energie & Management die Resultate zusammen. Seine Schlussfolgerungen lauteten: „Es ist ein Leistungsdefizit absehbar, das dazu führt, dass alte Stein- und Braunkohlekraftwerke länger laufen müssen, es zu höheren CO2-Emissionen und in der Folge zu höheren Strompreisen kommt. Meine zweite Aussage: Diese Situation führt dazu, dass der Druck wächst, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern; ich will keine Laufzeitverlängerung. Aber Fakten muss man hinnehmen: Der Strom wird teurer und schmutziger.“ Zu Gunsten von Greenpeace muss man allerdings festhalten, dass auch die Stromkonzerne und die CDU/CSU mit Verweis auf die Dena-Studie von einer Stromlücke sprechen und damit ihre Forderung nach der Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken begründen.


Der zweite Greenpeace-Lesefehler: Keineswegs behauptet die Eutech, dass in Deutschland 2020 eine sichere Stromversorgung ohne Kohle- und Kernkraft möglich wäre. Die Aachener Ingenieure gehen vielmehr davon aus, dass 2020 von den bereits vor 2005 betriebenen Kraftwerken noch fossile (überwiegend mit Kohle betriebene) Kraftwerke über 40 GW und Kernkraftwerke rund 5 GW zur gesicherten Leistung beitragen werden. Hinzu kommen fossile Kraftwerke mit rund 8 GW gesicherter Leistung, die nach 2005 in Betrieb genommen wurden oder derzeit schon in Bau sind, davon 3,3 GW an Stein- und Braunkohlekraftwerken. Damit werden nach Schätzungen der Eutech Kohle und Kernkraft auch 2020 mehr als die Hälfte der gesicherten Leistung bereitstellen.

Neue Kohlekraftwerke oder verlängerte Laufzeit von „Dreckschleudern“?

Gleichwohl ist richtig, dass die Eutech im Gegensatz zur Dena auch ohne zusätzlichen Bau von fossilen Kondensationskraftwerken eine ausreichende Deckung der erwarteten Lastspitze für 2020 errechnet. Dafür gibt es mehrere Gründe:


- Die Eutech geht davon aus, dass der Stromverbrauch bis 2020 gegenüber 2005 um 11 % zurückgehen wird, so dass für 2020 eine Lastspitze von rund 70 GW errechnet wurde. Dena hatte nur einen Rückgang um 6,7 % als gesichert angenommen und eine Jahreshöchstlast mit fast 73 GW kalkuliert.


- Die Eutech betrachtet es als ausreichend, wenn die gesicherte Kraftwerksleistung 5 % über der Spitzenlast liegt, also 2020 bei knapp 74 GW. Dena geht hingegen von einem Aufschlag von 7,8 % auf die Lastspitze; dies ist der Wert, der 2005 erreicht wurde. Damit wären nicht ganz 79 GW an gesicherter Leistung notwendig.


- Während die beiden Gutachter im Endergebnis den Beitrag des Zubaus von erneuerbaren Energien zur gesicherten Leistung gleich einschätzen, gibt es bei der Bewertung des Leistungsbeitrags des KWK-Zubaus trotz gleicher Annahmen über die Entwicklung der KWK-Stromerzeugung eine erhebliche Differenz. Eutech geht von fast 16 GW, Dena von knapp 6 GW aus.

- Den gesicherten Leistungsbeitrag der „Bestandsanlagen“ des Kraftwerksparks berechnet Dena mit leicht über 40 GW, während ihn Eutech mit fast 47 GW beziffert. Um dies zu erreichen, wurde in der Rechnung der Aachener die Laufzeit der bestehenden Braunkohlekraftwerke gegenüber den Dena-Annahmen um fünf auf 45 Jahre heraufgesetzt. Dafür rechnet die Eutech lediglich mit einem Leistungsbeitrag des Kraftwerksneubaus von etwas über 8 GW, während es bei Dena rund 15 GW sind.

In der Summe stehen für 2020 bei Eutech 8,7 GW an „Überkapazität“ einer von Dena errechneten „Deckungslücke“ von 11,7 GW gegenüber. Ist damit also die Dena-Studie widerlegt? Keineswegs, auch wenn man den Eutech-Argumenten durchaus folgen kann. Doch kann man sich bei der Planung des künftigen Kraftwerksparks auf die optimistischen Annahmen der Eutech stützen oder ist man mit einer skeptischen Vorgehensweise der Dena nicht auf der sichereren Seite?

Dena und Eutech: Ähnliche Ergebnisse, unterschiedliche Schlussfolgerungen

Berücksichtigten muss man vor allem, dass die Aachener im Grunde Kohlers Warnung bestätigen: Ihre Bilanz geht deshalb auf, weil sie eine längere Laufzeit alter Braunkohlekraftwerke und damit einen höheren CO2-Gesamtausstoß hinnehmen. Kontrovers sind also nicht die sachlichen Aussagen der beiden handwerklich solide erstellten Gutachten, sondern die Bewertung der Konsequenzen für den Klimaschutz. Im Eutech-Gutachten heißt es dazu in Bezug auf die Festlegung der zukünftigen Emissionsobergrenzen im EU-Emissionshandel: „In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Existenz eines vergleichsweise jungen Kapitalstocks von sehr emissionsintensiven Anlagen, die die Erzeugungsstruktur für weitere 30 - 40 Jahre festlegt, die Definition ambitionierter Emissionsziele erheblich erschweren wird. Hingegen werden durch die Ertüchtigung einzelner Bestandsanlagen für wenige Jahre diese Emissionsziele prinzipiell nicht gefährdet. Eine im Rahmen des Emissionshandels durchgeführte Verlängerung der Betriebszeit fossiler Bestandskraftwerke kann – falls dies erforderlich sein sollte – kurzfristig (d.h. deutlich kurzfristiger als ein Kraftwerksneubau) und für einen begrenzten Zeitraum erfolgen.“

Ähnlich argumentieren die anerkannten Energieexperten Felix Christian Matthes vom Öko-Institut und Hans-Jürgen Ziesing, früherer führender Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Doch taugt dieses Argument für eine prinzipielle Ablehnung neuer Kohlekraftwerke, auf die sich die Umweltverbände wie Greenpeace, BUND und Deutsche Umwelthilfe sowie unter den politischen Parteien die Grünen fast schon dogmenhaft festgelegt haben? Dagegen sprechen mindestens drei Argumente.

Erstens: Die CO2-intensive Laufzeitverlängerung alter Kohlekraftwerke verschiebt nur die Probleme, denn auch 2025 und 2030 wird sich die Stromversorgung nicht vollständig auf Erneuerbare und Kraft-Wärme-Kopplung stützen können. Die dann nicht mehr verfügbaren alten fossilen Kraftwerke und die letzten abgeschalteten Atommeiler müssten also zumindest zum Teil durch neue fossile Kraftwerke ersetzt werden. Ist es dann nicht klimapolitisch vernünftiger, den nötigen Bau effizienter Kraftwerke schon jetzt zu fördern statt ihn zu verzögern?

Zweitens: Im liberalisierten Markt kann kein Unternehmen ein Kohlekraftwerk für 40 oder 50 Jahre kalkulieren. Die Anlagen werden sicher so konzipiert, dass sie spätestens in 15 Jahren ihr Geld verdient haben. Ein abgeschriebenes Kraftwerk zurückzufahren, wenn die Preise der CO2-Zertifikate zu hoch werden und die CO2-Abscheidung nicht verfügbar wird, dürfte dann die wirtschaftlich logische Konsequenz sein. Muss die Politik den Unternehmen dieses Wirtschaftsrisiko abnehmen? Darf die Politik anderseits den Investoren eine profitable wirtschaftliche Betätigung untersagen, wenn diese alle gesetzlichen Vorschriften – einschließlich der Begrenzung der CO2-Emissionen – einhalten?

Drittens: Bereits bei der Festlegung der nationalen Allokationspläne für die zweite Handelsperiode hat sich Brüssel als erstaunlich standhaft gegenüber den Wünschen der (deutschen) Stromlobby erwiesen. Von der ab 2013 geplanten vollständigen Versteigerung der Zertifikate wollte zwar Bundeswirtschaftsminister Michael Glos Ausnahmen für neue Kraftwerke durchsetzen, doch ist er damit schon bei seinem Umweltkollegen Sigmar Gabriel abgeblitzt. Eine Aufweichung der EU-Klimapolitik wegen einiger neu gebauter Kohlekraftwerke in Deutschland ist nicht sehr wahrscheinlich.

Die Politik sollte sich auf ihre Aufgaben konzentrieren, zu denen die Festlegung der zur Verhinderung eines Klimawandels notwendigen CO2-Obergrenzen gehören. Ein politisch verordneter Ausschluss der Kohle aus der Stromversorgung kann mit Klimaschutz aber nicht überzeugend begründet werden, auch nicht durch die von Greenpeace vorgelegte Studie.

Autor: Jan Mühlstein

Tags

  • CO2 Ausstoß
  • Laufzeitverlängerung
  • Dana
  • Eutech








Der Energieblog