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Thema: Sonnenenergie/Solarthermie/Solarthermische Stromerzeugung

 

Nur eine faszinierende Vision

Die Gründung der Desertec-Planungsgesellschaft ist kein Durchbruch, sondern nur ein erster Schritt, um die Sonnenenergie südlich des Mittelmeeres für Europa zu erschließen.

Stolz hält Torsten Jeworrek, Vorstand der Münchner Rück, am 13. Juli in München ein Blatt Papier ins Blitzlichtgewitter der Journalisten. Darauf haben die Verantwortlichen von Eon, RWE, Siemens, Schott Solar, M+W Zander, MAN Solar Millennium, der Finanzinstitute Deutsche Bank, HSH Nordbank und Münchner Rück sowie der schweizerischen ABB, der spanischen Abengoa Solar und des größten algerischen Privatkonzerns Cevital unterschrieben. Die zwölf Unternehmen besiegelten damit die Desertec Industrial Initiative (DII). Diese hat das Ziel, in Nordafrika sowie im Nahen Osten Parabolrinnenkraftwerke zu errichten, die bis 2050 einen Anteil von 15 % am europäischen Stromverbrauch decken.

Das „Memorandum of Understanding“ sieht bis Ende Oktober die Gründung einer Planungsgesellschaft vor, die jährlich zunächst mit 1,8 Mio. Euro ausgestattet werden soll. In den kommenden drei Jahren gehe es darum, die technischen Spezifikationen, die den Kraftwerkstyp und die Stromübertragung betreffen, zu analysieren, referierte Jeworrek, da bei dem Rückversicherer derzeit die Fäden für das Projekt zusammen laufen. Ein Investitionsplan soll aufgestellt werden, der Teilabschnitte und Prioritäten festlegt. Zudem müssten außenpolitische und regulatorische Fragen geklärt werden. Erst 2012 will die DII einen detaillierten Geschäftsplan vorlegen.

Ein Geschäftsplan soll erst 2012 vorliegen

Ausgangspunkt des Vorhabens ist die Studie „Trans-CSP“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die nachweist, dass „eine nachhaltige Elektrizitätsversorgung in Europa zu großen Teilen auf heimischen erneuerbaren Quellen und dem Import von Solarstrom aus dem Mittleren Osten und Nordafrika aufgebaut werden kann“. Die gemeinschaftliche Ankündigung für das industrielle Ökostrom-Projekt erntete viel Zuspruch in Politik und Öffentlichkeit. Selbst nach Ansicht von Greenpeace könnte das Vorhaben der DII „ein Meilenstein für die weltweite Nutzung von Solarkraftwerken in Wüstenregionen werden“.

Laut Jeworrek gehen die ersten solarthermischen Kraftwerke frühestens 2015 in Betrieb. Damit dürften zunächst die Metropolen und Ballungszentren der Sonnenländer mit Strom versorgt werden, deren Energiebedarf stetig steigt. Denn die Wirtschaft in Afrika wächst inzwischen konstant stark - nach OECD-Angaben legt die Wirtschaftsleistung 2010 um rund sechs Prozent zu. Doch bislang haben nur 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung Zugang zu Strom, vornehmlich in großen Städten, auf dem Land ist es meist dunkel. Die ländlichen Regionen werden voraussichtlich aber erst vom Desertec-Projekt profitieren, wenn die solaren Erzeugungskapazitäten sowie die lokalen Stromnetze – in die dann auch andere erneuerbare Energiequellen wie Windkraft und Photovoltaik vor Ort einbezogen werden sollen – weiter ausgebaut werden.

„Die Zielländer müssen Vorteile aus den Investitionen haben“

Jeworrek erwartet, dass der Stromimport nach Europa 2020 beginnen und bis 2050 auf 15 Prozent des Strombedarfs ausgebaut werden kann. Erst dann wird das steigende Stromangebot auch herangezogen, um entsalztes Wasser für den steigenden Bedarf dieser Länder zur Verfügung zu stellen. „Es muss gewährleistet sein, dass diese Länder Vorteile aus den Energie-Investitionen haben. Gerade in Afrika ist Energienot eine entscheidende Ursache für Armut“, stellte Klaus Töpfer, Leiter des UN-Umweltprogramms, klar.

Zu den Zielländern des Desertec-Projekts gehören Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Marokko. Nach DLR-Angaben würden solarthermische Kraftwerke mit 100 GW Gesamtleistung dort nur etwa ein Prozent der Landflächen in Anspruch nehmen.

„Wir hoffen auf das Know-how aus Ländern wie Deutschland bei den erneuerbaren Energien, da wir bei unserer ländlichen Elektrifizierung sehr auf die Solarenergie setzen”, sagte Marokkos Energieministerin Amina Benkhadra stellvertretend für viele Dritte-Welt-Staaten Mitte Februar bei der Gründung der International Renewable Energy Agency in Bonn. Der Leiter der Behörde für erneuerbare Energien in der marokkanischen Hauptstadt Rabat, Said Mouline, kündigte einige Tage nach der DII-Gründung an, einen Platz „unter den führenden Ländern bei dem Desertec-Projekt“ anzustreben. Sein Land habe bereits einen Fonds im Volumen von einer Milliarde US-Dollar zur Förderung umweltfreundlicher Energie-Vorhaben eingerichtet.

Zwar wenden sich Länder mit geringen Erdöl- oder Gasreserven in Nordafrika sowie im Nahen Osten zunehmend den Erneuerbaren zu. Doch sind in den meisten nordafrikanischen Staaten - die mit einer jährlichen Sonneneinstrahlung bis zu 2 700 kWh/m² (in Spanien liegt dieser Wert bei maximal 1 800 kWh/m²) exzellente Bedingungen aufweisen - die Energiesektoren nur unzureichend reformiert. Auch mangelt es vielerorts an gesetzlichen Rahmenbedingungen und politischer Stabilität.

Das Vorhaben ist äußerst komplex, da zudem viele Regierungen beim Kraftwerks- und Leitungsbau zusammenarbeiten müssen. „Jeder Transitstaat für die Transportleitungen wird taktieren, um für sich das Beste herauszuholen. Und es wird Widerstände vor Ort geben“, gibt der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer zu Bedenken. Das koste Zeit und letztlich Geld, weil sich der Return on Investment immer wieder verzögere.

Zudem werden die Desertec-Zielländer nicht nur von der DII, sondern auch weiterhin von der Kohle- und Atomwirtschaft umworben. Unter anderem hat Frankreichs Staatschef Nikolas Sarkozy seit seinem Amtsantritt mit Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Jordanien sowie mit den Vereinigten Arabischen Emiraten Kooperationsabkommen bei der Kernenergie geschlossen. Gleichzeitig war es die französische Präsidentschaft, die das Desertec-Konzept 2008 als „Mediterranen Solar-Plan“ im Rahmen der Mittelmeerunion auf die politische Agenda setzte.

Weltweit Solarthermie-Kapazitäten mit 604 MW in Betrieb

An der technischen Umsetzbarkeit des Wüstenstrom-Projektes zweifelt indessen kaum jemand ernsthaft. Laut einem aktuellen Bericht des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sind weltweit derzeit Parabolrinnenkraftwerke mit 604 MW Gesamtleistung in Betrieb, davon 419 MW in den USA (wovon 354 MW aus den 80er Jahren stammen) und 183 MW in Spanien. Darüber hinaus seien Solarthermie-Kapazitäten in Höhe von 761 MW im Bau und 5 780 MW in Planung. Die Stromgestehungskosten der Technik bewegen sich laut René Umlauft, CEO des Geschäftsbereichs Renewable Energy bei Siemens Energy, „heute im Bereich von 18 bis 20 Cent pro Kilowattstunde“. Die nächste Anlagengeneration könnte in Ägypten aber bereits zu Kosten zwischen 8 und 9 Cent/kWh produzieren, heißt es bei der Solar Millennium AG. Zudem könne wertvolle Regelkapazität bereitgestellt werden, da sich die Sonnenwärme in den Nachtstunden speichern lässt.

Die Wirtschaftlichkeit des Desertec-Projektes hängt darüber hinaus von den Transportkosten für den Ökostrom ab. Rund 2 Cent/kWh fallen nach Angaben der Schott Solarthermie GmbH an, um den in Wüstenregionen erzeugte Strom mit Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) über eine Distanz von mehr als 2 000 km von Nordafrika in die Verbrauchszentren Europas zu leiten. Die Übertragungsverluste pro 1 000 km liegen heute bei drei Prozent und sollen mit der kommenden HGÜ-Generation auf ein Prozent sinken.

Dass die Parabolrinnen-Technik als Investment bereits heute interessant ist, zeigt die Entscheidung der Energieunternehmen RheinEnergie, Stadtwerke München und RWE Innogy, die sich Anfang Juli an dem solarthermischen Kraftwerk „Andasol 3“ in der südspanischen Provinz Granada beteiligten. Daran wird auch deutlich, dass DII-Mitglieder wie der RWE-Konzern nicht nur im Konsortium tätig werden, sondern gleichzeitig eigene Solarstrom-Projekte umsetzen.

„Eine starke Industrieallianz kann der Solarthermie politisches Gewicht verschaffen“

Gemeinsam können die Konzerne der Wüstenstrom-Idee jedoch mehr Rückhalt verleihen. „Eine starke Industrieallianz kann der Solarthermie jetzt nicht nur wirtschaftliche und technologische Relevanz, sondern auch spürbar politisches Gewicht verschaffen. Das ist das Entscheidende“, betonte Udo Ungeheuer, Vorstandsvorsitzender der Schott AG im Vorfeld der DII-Pressekonferenz. Denn „am Anfang läuft das Projekt nicht von selbst“, sagte Gerhard Knies, Aufsichtsratsvorsitzender der Desertec Stiftung. Das DLR schätzt die benötigte Anschubfinanzierung bis 2020 auf eine einstellige Milliardensumme und plädiert für einen europäischen Finanzierungsansatz. Die Bundesregierung werde einen Beitrag leisten, kündigte Günter Gloser, Staatsminister im Auswärtigen Amt, an, ohne Zahlen zu nennen. Das Gros der Investitionen, die derzeit auf mindestens 400 Mrd. Euro geschätzt werden, müsse jedoch aus der Privatwirtschaft kommen.


„Die Investitionskosten werden hoch sein, aber weniger als 1 000 Euro pro Einwohner Europas ausmachen“, rechnete Jeworrek vor. Wie die EU-Mitgliedsländer ihrer nationalen Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien auch mit Hilfe von importiertem Solarstrom erreichen können, dazu gibt es in Brüssel schon eine Gesetzesvorlage, über die noch abgestimmt werden muss.


Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins (SFV) betont in diesem Zusammenhang, dass das 15 %-Ziel der Desertec-Initiative für Europa in Deutschland mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz bereits erreicht wurde: „Keine Rede davon, dass dies auch nur einen kleinen Teil von 400 Milliarden Euro gekostet hat. Und keine Rede davon, dass es zehn Jahre gebraucht hat, bis der erste Strom geflossen ist.“ Scheer kalkuliert, dass ein zusätzlicher Prozentpunkt der Erneuerbaren am deutschen Strommix Investitionen von etwa 5 Mrd. Euro erfordert. In den kommenden Jahren seien bei den Anlagen sogar noch weitere Preissenkungen zu erwarten. Für den Präsidenten von Eurosolar ist „das Engagement für erneuerbare Energien elementar wichtig – aber es ist billiger, wenn es jeweils im Verbrauchsland vorangetrieben wird“.


Ob der öffentlichkeitswirksamen Absichtserklärung auf einem Stück Papier auch Taten folgen, ist zur Zeit noch völlig offen. Zweifel äußerte auch EnBW-Chef Hans-Peter Villis: „Trotz aller Faszination, die dieses Projekt auszulösen vermag, im Moment ist es nur eine Vision.“ Villis muss es wissen, denn der Karlsruher Konzern hat bereits Kontakt mit den Projektinitiatoren aufgenommen.

Autor: Michael Pecka

Tags

  • Solarthermie
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