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Thema: Kernkraftwerk/Kraftwerke
KKW Krümmel: Déjà-Vu für Vattenfall
Das Kernkraftwerk Krümmel (1 346 MW) ist nach einer Reaktorschnellabschaltung seit dem 4. Juli wieder vom Netz. Der Betreiber Vattenfall Europe räumte abermals Fehler in der Kommunikation ein und gerät nun zunehmend unter Druck.
Nach den bisherigen Erkenntnissen kam es am 4. Juli um 12:02 Uhr zu einem Kurzschluss an einem der beiden Maschinen-Transformatoren, die das Kraftwerk mit dem 380 kV-Netz verbinden. Wie aus einem internen Arbeitsbericht des Kernkraftwerks Krümmel in Geesthacht hervorgeht, hat der Kurzschluss im Transformator AT02 die elektrischen Schutzeinrichtungen ausgelöst. Als Folge dessen kam es zu einem Spannungsabfall in den vier für die Eigenversorgung des Kraftwerks benötigten Blockschienen, wodurch eine Reaktorschnellabschaltung ausgelöst wurde. Damit ist der Ablauf der jüngsten Störung nahezu identisch mit der Reaktorschnellabschaltung vom 28. Juni 2007. Damals hatte sich wahrscheinlich ausgetretenes Öl entzündet und einen Trafo-Brand ausgelöst, was einen fast zweijährigen Stillstand der Anlage nach sich zog. Zum aktuellen Vorfall veröffentlichte Vattenfall Fotos, die erneut eine Ölleckage zeigen und auf eine rußähnliche Verfärbung am Trafo-Gebäude hinweisen.
„Wir haben keine Erklärung“
„Für die Ursache des neuen Kurzschlusses haben wir bisher keine Erklärung“, sagte der Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH, Ernst Michael Züfle, knapp 26 Stunden nach dem Zwischenfall auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in der Unternehmenszentrale in Hamburg. Nach dem Brand des benachbarten Trafos vor zwei Jahren war auch das jetzt betroffene baugleiche Gerät eingehend überprüft worden. „Herstellerfirma und Sachverständige haben uns uneingeschränkte Gebrauchsfähigkeit bestätigt“, beteuert Züfle.
Das Kernkraftwerk Krümmel war am 19. Juni dieses Jahres nach fast zweijährigem Stillstand wieder angefahren worden. Am 1. Juli musste die Anlage aber wieder kurzzeitig wieder vom Netz genommen werden, nachdem ein geschlossenes Ventil einen Öldruckausgleich verhindert hatte. Seit dem 2. Juli lief der Reaktor nur noch mit halber Leistung und sollte bis zum 5. Juli wieder in den Volllastbetrieb hochgefahren werden. Zum Zeitpunkt der erneuten Reaktorschnellabschaltung hatte das Kraftwerk eine thermische Reaktorleistung von 91 % und eine elektrische Leistung von 1 200 MW erreicht, erklärte Züfle.
Pannen bei der Schnellabschaltung...
Wie das Unternehmen nun bestätigte, ist bei der jüngsten Abschaltung nicht alles glatt gegangen. So seien zwar alle 205 Steuerstäbe hydraulisch in den Reaktor eingeschossen worden und hätten diesen wie vorgesehen abgeschaltet. Allerdings sei bei einem Steuerstab eine Mutter, die diesen fixieren sollte, wegen eines Defektes nicht elektrisch nachgelaufen. Zudem würden Messungen der Radioaktivität des Reaktorwassers auf ein defektes Brennelement hinweisen.
... und in der Kommunikation
Von der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Sozialministerium in Kiel, wurde Vattenfall erneut für seine Informationspolitik kritisiert. Der firmeneigene Objektschutz hatte am Werkstor örtliche Polizeikräfte über die Schnellabschaltung informiert und auf diesem Wege war die Nachricht über das Lagezentrum des schleswig-holsteinischen Innenministeriums an das Sozialministerium weitergeleitet worden. Vattenfall informierte die Öffentlichkeit hingegen erst zwei Stunden nach der Abschaltung über die Panne. „Warum es nicht möglich ist, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über die Reaktorschnellabschaltung an das Lagezentrum und die Atomaufsicht zu geben, ist mir völlig unverständlich“, erklärte die in Schleswig-Holstein für die Atomaufsicht zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht. Die SPD-Politikerin kündigte an, eine erneute Zuverlässigkeitsprüfung des Betreibers zu veranlassen. Zülfe zeigte sich indes auf der Pressekonferenz sichtlich zerknirscht über den Informationsfluss: „Ich sage ganz deutlich, dass dies völlig inakzeptabel ist. Unser Anspruch ist, die Behörde über alle wichtigen Ereignisse in unseren Kraftwerken als Erste zu informieren“. Diesem Anspruch sei man am Samstag nicht gerecht geworden, sagte der Vattenfall-Geschäftsführer und entschuldigte sich für die verzögerte Erstinformation. Zudem kündigte er Konsequenzen an. „So etwas darf nicht wieder vorkommen“, so der Nuklear-Chef.
Für die Zukunft rief Züfle die Maxime „Sicherheit vor Schnelligkeit“ aus und betonte, dass das Kraftwerk erst wieder in Betrieb genommen werde, wenn alle technischen und organisatorischen Fragen eindeutig geklärt seien. Wann das soweit sein werde, lasse sich aus heutiger Sicht noch nicht sagen, betonte Züfle und ergänzte auf Nachfrage: „Ich weiß es einfach nicht genau“. Der Image-Schaden, den Vattenfall durch die erneute Panne erlitten hat, lässt sich kaum beziffern. Der Zwischenfall sorge ganz sicher für Verunsicherung und Vertrauensverlust auf Seiten der Bevölkerung, räumte der Geschäftsführer ein. Verlorenes Vertrauen will er jetzt mit mehr Offenheit zurückgewinnen und kündigte an, künftig alle technischen Status-Berichte im Internet veröffentlichen zu wollen. Dazu sei aber die Absprache mit dem Sozialministerium in Kiel nötig.
Gabriel will Kernkraftwerke überprüfen
Unterdessen hat die neuerliche Vattenfall-Panne auch den Bundesumweltminister auf den Plan gerufen. Sigmar Gabriel kündigte am 5. Juli in Berlin an, er wolle die Elektronik in allen deutschen Kernkraftwerken überprüfen lassen. Zugleich forderte der Umweltminister die Union zur Umkehr in der Atompolitik auf. Im Interesse der Sicherheit sollten CDU und CSU ihren Kurs auf längere Kernkraftwerks-Laufzeiten aufgeben.
Stromausfälle in Hamburg und Umgebung
Durch den Ausfall des Kernkraftwerkes Krümmel war es am 4. Juli in Norddeutschland zu einem Spannungsabfall in der 380 kV-Ebene gekommen, die sich auch auf das Mittelspannungsnetz im Großraum Hamburg ausgewirkt hat. In der Folge fielen allein in der Hansestadt 1 492 der rund 1 800 Verkehrsampeln aus und auch Stromabnehmer im Leistungsbereich zwischen 200 bis 240 MW, wie etwa Einkaufszentren und die Stahl- und Aluminiumwerke im Süden der Stadt, waren von den Auswirkungen betroffen.
Autor: Kai Eckert
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