Thema: Energiehandel - Energiepreise
„Die Energiepreise mussten anziehen“
Über die jüngsten Turbulenzen im Energiehandel und die Entwicklung der Märkte sprach E&M mit Jacob Sonne, Leiter Handel bei citiworks.
E&M: Herr Sonne, Anfang September zeigte die US-Finanzkrise auch im deutschen Stromhandel ihre Folgen, Lehman Brothers International wurde vom Handel an der Strombörse suspendiert. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Sonne: Wir sprechen von einem historischen Ereignis. Bereits im Frühjahr hatte der so genannte Credit Crunch, also die Kreditklemme, gewaltige Ausmaße angenommen. Erstes deutliches Anzeichen war die Beinah-Pleite von Bear Stearns, die nur durch staatliche Intervention und JP Morgan Chase gerettet wurde. Die zwei weltgrößten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac mussten von der FED und dem Staat mit Milliarden gestützt werden. Der Versuch, den US-amerikanischen Immobilienmarkt zu stützen und einen weiteren Vertrauensverlust zu verhindern, funktionierte aber nicht. Der Zusammenbruch von Lehmann Brothers und Washington Mutual haben die Krise weiter verschärft. Der 700-Milliarden-US-Dollar-Rettungsfonds kann dem Markt zwar die dringend benötigte Liquidität geben, ein Ende der Bankenpleiten bedeutet das aber nicht unbedingt. Die Banken werden die MTM-Verluste abschreiben müssen.
E&M: Welche Konsequenzen kann man aus diesem Vorfall ziehen?
Sonne: Im deutschen Strommarkt sind mehrere große europäische und US-amerikanische Handelsbanken tätig. Die Marktteilnehmer werden also gezwungen, die gegenseitigen Kredite in einem sehr engen Rahmen genau zu beachten. Die kurzfristige, unvermeidbare Konsequenz wird eine eingeschränkte Marktliquidität durch erhöhtes Kontrahentenrisiko im Strom- und Rohstoffmarkt sein. Hinzu kann der fallende US-Dollar kommen, der die Ölpreise wieder antreibt und damit auch die Gas-, CO2- und Strompreise. Als längerfristige Konsequenz ist ein Rückgang der Volumina auf dem physischen OTC-Markt denkbar. Finanzielle Produkte, die über Börsen und ähnliche Plattformen gehandelt werden, können dagegen das Kontrahentenrisiko reduzieren.
"Die Volatilität ist größer geworden"
E&M: Schon vor der Lehman-Pleite gab es keine ruhige Zeit im Stromhandel. Wie bewerten Sie die Marktentwicklung in den vergangenen Monaten?
Sonne: Man kann schon sagen, dass es relativ hektisch war. Im Vergleich zum Vorjahr ist es in diesem Jahr fast schon dramatisch, weil die Volatilität noch größer geworden ist. Natürlich liegt das auch an der Entwicklung auf dem US-amerikanischen Ölmarkt, wobei der dort gehandelte Kontrakt WTI den Londoner Brent-Kontrakt angetrieben hat. Der Preisanstieg an sich war fundamental begründet und musste wahrscheinlich passieren, um den Ölmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Peak-Oil-Theorie wurde dabei immer wieder in die Diskussion gebracht, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir den Peak schon gesehen haben. Es gab Prognosen, nach denen die Ölnachfrage die derzeit mögliche Ölförderrate übersteigen wird und das dürfte ein Signal für große Hedge-Fonds zum Geld verdienen gewesen sein. Viele Marktteilnehmer sind auf den Zug aufgesprungen, haben Long-Positionen aufgebaut und damit den Ölpreis weiter angetrieben.
E&M: Wie hat sich das auf die anderen Energiemärkte ausgewirkt?
Sonne: Durch die Ölpreisbindung sind auch die Gas-Großhandelspreise gestiegen, dabei natürlich vor allem die Preise der langfristigen Lieferverträge. Zudem haben sich die hohen Ölpreise auch auf die Frachtraten auswirkt und somit die Kohlepreise angetrieben. Auf dem Kohlemarkt ist es aber schon Ende 2007 wegen der Überflutung von Minen und anderen Vorkommnissen zu einem Preisanstieg gekommen. Dazu kam noch das starke Wirtschaftswachstum in China und Indien – die Energiepreise mussten also anziehen.
E&M: Der Anstieg zog sich aber über einen langen Zeitraum hin und kam eigentlich auch nicht überraschend. Wie muss man sich in einem solchen Marktumfeld verhalten?
Sonne: Es kommt immer auf den Marktteilnehmer an. Ein Industriekunde, der nur Strom benötigt, kann mit einem Vertriebshaus die günstigsten und flexibelsten Konditionen für die künftigen Stromlieferungen aushandeln. Als Handelshaus kann man sich mit einem Cross-Commodity-Portfolio absichern. Ein Kraftwerksbetreiber kennt natürlich seine eigenen Grenzkosten, aber er wird versuchen, seine Kapazitäten am besten zu vermarkten und dabei, je nach Kraftwerkstyp, auf den Clean-Dark-Spread oder den Clean-Spark-Spread achten.
E&M: Können Sie den Vorwurf verstehen, dass man Spekulanten für den Preisanstieg verantwortlich macht?
Sonne: Ich kann verstehen, dass als erste Reaktion bei einem Preisanstieg die Hedge-Fonds beschuldigt werden. Allerdings können diese Fonds den Preis nicht alleine nach oben treiben. Vor allem im Ölhandel, in dem die Liquidität sehr hoch ist, sind immer mehr Gesellschaften aktiv, die sich mit Ölkontrakten hedgen.
"Der Clean-Dark-Spread ist der wichtigste Benchmark"
E&M: Sie selbst sind schon mehrere Jahre im Energiehandel aktiv. Wie hat sich der Markt in den vergangen sechs oder sieben Jahren verändert?
Sonne: In den ersten Jahren war der Markt durch seine geringe Liquidität gekennzeichnet. Mit der Öffnung des französischen Marktes kam dann aber auch EDF als großer Player auf den deutschen Markt, zudem wurden auch die Schweizer Unternehmen aktiv. Inzwischen haben wir einen funktionierenden Wettbewerb im Großhandel, zumal auch die Banken zur Liquidität beigetragen haben. Mittlerweile ist der Markt auch sehr effizient, das heißt, dass der Clean-Dark-Spread (impliziter Deckungsbeitrag eines Kohlekraftwerkes nach Abzug von CO2- und Kohle-Kosten; d. Red.) für die meisten Marktteilnehmer in Deutschland der wichtigste Benchmark bei der Preisbewertung ist. Die Haupttreiber am Markt sind immer noch Kohle, Gas und CO2-Zertifikate, wobei die Relation zwischen den Commodities immer enger geworden ist.
E&M: Sind auch andere Spread-Notierungen für Sie interessant?
Sonne: Natürlich, wir beobachten täglich die Spreads für die Strompreise in Deutschland und Frankreich, weil wir verstehen wollen, wohin der Strom in Europa fließt – zumal Frankreich den größten kontinentaleuropäischen Markt darstellt. Interessant sind dabei die Verfügbarkeit der Kernkraftwerke und die Wetterdaten gegenüber den Lastprognosen. Aber wir sehen uns auch andere Länder an, wie zum Beispiel Dänemark, Spanien oder die Schweiz. Das Geschehen dort betrifft uns, denn eine Hitzewelle in Spanien und eine niedrige Wasserkraftverfügbarkeit zieht den Strom aus Frankreich auf die iberische Halbinsel und damit fehlt ein Teil der Import auf dem deutschen Markt.
Jacob Sonne
ist seit Februar 2006 für citiworks aktiv und war zuvor bei Eon. Angefangen hat der gebürtige Däne im Shipping-Bereich und war im Rohstoffhandel bei Continental Grain Co. aktiv. In den Energiehandel ist Sonne 2001 bei EDF Trading eingestiegen.
Autor: Andreas Kögler
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