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Thema: CCS - Co2-Speicherung

RWE bekommt Gegenwind von der Küste

Bei der Erkundung potenzieller geologischer Speicherformationen für die CO2-Einlagerung stößt der Energiekonzern RWE in Schleswig-Holstein auf Widerstand.


Die Angst, dass das nördliche Schleswig-Holstein zu einem Endlager für Kohlendioxid werden könnte, bereitet den Menschen in der Region Sorgen. Rund 400 Bürger waren deshalb am 3. Juni in den Kreistag nach Husum gekommen, um der öffentlichen Anhörung zur CO2-Sequestrierung im Kreis Nordfriesland beizuwohnen. Der von Windenergie, Landwirtschaft und Tourismus geprägte Landstrich ist ins Visier des Energiekonzerns RWE geraten. Von dem geplanten Demonstrationskraftwerk Hürth bei Köln soll eine „Klimaschutz-Pipeline“ – so die konzerninterne Bezeichnung – bis kurz vor die dänische Grenze geführt werden. Irgendwo zwischen den Ortschaften Stadum und Hörup wird die CO2-Transportleitung in Nordfriesland enden, genau zwischen den beiden von RWE anvisierten Lagerstätten unter den Orten Bredstedt, Leck und Niebüll sowie nördlich von Schafflund im benachbarten Kreis Schleswig-Flensburg.

 

CO2-Austritt „sehr unwahrscheinlich“

 

Es sind die Befürchtungen eines plötzlichen Gasaustritts, die Gefährdung des Trinkwassers und der Wunsch nach einer nachhaltigen Energieerzeugung, der die Menschen im Norden umtreibt und gegen die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, kurz CCS) auf die Straße bringt. Für Felix Christian Matthes vom Berliner Öko-Institut sind Unfälle wie die CO2-Ausgasung des Nyos-Sees in Kamerun, bei der vor 23 Jahren auf einen Schlag 1,6 Mio. t CO2 freigesetzt wurden und mehr als 1 700 Menschen und über 2 000 Tiere in einem Umkreis von 30 km starben, „keine Referenzen für CCS“. Auch der Geologe Andreas Dahmke vom Institut für Geowissenschaften der Universität Kiel hält einen CO2-Austritt für „sehr unwahrscheinlich“, da ein Aufstieg des Treibhausgases mehrere hundert Jahre dauern würde. Ebenso sei die Diffusion von CO2 ins Grundwasser ein zu langer Prozess, meint der Geologe. Dahmke sieht allerdings die Möglichkeit, dass durch die CO2-Injektion in den Untergrund salinare Wässer nach oben verpresst werden und dort zu einer Gefährdung des Grundwassers führen können. Das Hauptaufgabenfeld für die Projektbeteiligten sei deshalb der Aufbau eines verlässlichen Monitoringsystems, um auf Druckveränderungen im Untergrund frühzeitig reagieren zu können. Dem Argument, die Speicherformationen lieber als Druckluftspeicher für überschüssigen Windstrom zu nutzen, entgegnete Dahmke, dass für Druckluftspeicher Salzkavernen wesentlich besser geeignet sind. Die in Schleswig-Holstein vorhandenen salinen Aquiferen sind als Druckluftspeicher nur „dritte oder vierte Wahl“, so der Geologe.

 

CCS ist „Feigenblatt für Kohlestrategie“


Für Thorben Becker vom BUND ist CCS dagegen „ein Feigenblatt für die ganz normale Kohlestrategie der Energiewirtschaft“. Kohle sei das zentrale Problem des Klimaschutzes in Deutschland, wo gerade 30 neue Kohlekraftwerke ohne CCS-Auflagen geplant werden. Zudem mache sich die Politik mit der schnellen Umsetzung des CCS-Gesetzes unglaubwürdig, da so der direkte Einstieg in die Großtechnologie möglich, zugleich aber CCS nicht für künftige Kraftwerks-Projekte festgeschrieben werde. In Deutschland brauche niemand CCS, da trotz des Ausstiegs aus der Kernenergie und einem langfristigen Verzicht auf Kohle die CO2-Reduktionsziele durch den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien möglich seien, sagte Becker.

 

Dagegen argumentierte Matthes, dass bei einem deutlichen Ausbau der Windenergie nicht auf Komplementärkraftwerke verzichtet werden könne. Selbst bei einer Stromerzeugungsleistung von 60 000 MW aus Wind würden die vorzuhaltenden Gaskraftwerke 50 Mio. t CO2 jährlich produzieren. „Diese können in einer dekarbonisierten Gesellschaft nicht verbleiben“, mahnte Matthes. Für ihn ist CCS eine Übergangsnutzung mit einer begrenzten Speicherkapazität. CCS ist „keine endgültige Lösung, aber wir können damit Zeit und vor allem Lösungen kaufen, die wir im Moment nicht haben“, sagte Matthes. Insbesondere für die prozeßbedingten Emissionen biete CCS einige Optionen. Aus der Stahl- und Eisenindustrie, den Zementwerken und der Aluminiumproduktion etwa seien derzeit 80 Mio. t CO2 nicht wegzukriegen. „Wer sagt, auf CCS könne verzichtet werden, der müsse darauf eine Antwort finden“, bekräftigte der Forschungs-Koordinator für Energie- und Klimapolitik des Öko-Instituts immer wieder.

 

CCS ist keine endgültige Lösung


Mit der Einlagerung von Kohlendioxid in dieser Größenordnung betrete die Wissenschaft Neuland, erklärte Gabriele von Goerne von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Dennoch geht sie von „relativ geringen“ Risiken aus und sprach sich dafür aus, „im Kampf gegen den Klimawandel CCS vorbehaltlos zu testen“. Vor allem auf die Frage, was genau bei der CO2-Speicherung im Untergrund passiere, konnten die eingeladenen Experten keine befriedigende Antwort geben. Nach Angaben von Goerne laufen dazu weltweite Forschungen und gerade deshalb würden Demonstrations-Projekte wie in Nordfriesland dringend benötigt.

 

100 Mio. t CO2 sollen gelagert werden


Die Menschen in Nordfriesland befürchten aber, dass es nicht bei einer Demonstration bleibt, sondern dass der CO2-Speicher ein Endlager für das Treibhausgas wird.

2,4 Mio. t Kohlendioxid soll die geplante Pipeline mit einem Durchmesser von 16 Zoll jährlich von Hürth nach Nordfriesland transportieren, erklärte Heiko Oppermann und kalkulierte die zu speichernde Menge Kohlendioxid aufgrund einer 40jährigen Betriebsdauer für das Kraftwerk Hürth auf rund 100 Mio. t CO2. Zugleich verwies der Leiter des CO2-Projektes von RWE Dea aber auch immer wieder darauf, dass der Gesetzgeber einen diskriminierungsfreien Zugang zur Pipeline und den Speichern vorschreibe. Die Hamburger Öl- und Gastochter des Essener Energiekonzerns wird die seismischen Erkundungsuntersuchungen durchführen. Nachdem aufgrund der vorhandenen Datenbasis eine Vorerkundung und eine CO2-Injektion im Computermodell erfolgt sei, müssten diese Erkenntnisse nun durch seismische Untersuchungen verifiziert werden, erklärte Oppermann und verwies darauf, dass das nördliche Schleswig-Holstein für die CO2-Speicherung besser geeignet ist als Ostholstein.


Dort, östlich von Kiel, hat RWE Dea bereits seismische Untersuchungen vorgenommen. Die Sprengungen hatten teilweise zu Rissen an Gebäuden geführt. Zwar sollen die Schäden „schnell und unbürokratisch“ behoben werden, versicherte ein Unternehmenssprecher, aber der Unmut in der Bevölkerung wächst. Auch Kommunalpolitiker kritisieren das Vorgehen des Energiekonzerns. Wie E&M am Rande der Veranstaltung erfuhr, habe RWE den Antrag zur Genehmigung seismischer Erkundungen als Vorstufe zur CO2-Speicherung gestellt und den Kommunen eine Frist von vier Wochen gestellt. Obwohl das Beteiligungsverfahren noch nicht abgeschlossen war, habe das Unternehmen bereits Unterkünfte für die Mitarbeiter gebucht, die die Seismik durchführen sollen, berichteten einige Mandatsträger. Inzwischen ist das Beteiligungsverfahren nach Protesten einiger Kommunen bis Ende Juli verlängert worden und auch RWE zeigte sich auf der CCS-Anhörung in Husum dialogbereit. Die Stimmung im Land zwischen den Meeren bleibt aber gereizt. Gut möglich, dass RWE noch mehr Gegenwind von der Küste bekommt.

Autor: Kai Eckert

Tags

  • CCS
  • CO2 Speicherung
  • CCS Gesetz
  • Kohlendioxid Abscheidung
  • Kohlendioxid Speicherung








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