Thema: Nachhaltigkeit/Carbon Footprint/CO2-Fußabdruck
Spurensuche mit dem CO2-Fußabdruck
Mit der Berechnung und Bilanzierung des CO2-Ausstoßes für Unternehmen oder Produkte kann sich die Wirtschaft neue Energieeffizienz-Potenziale erschließen und ihren CO2-Fußabdruck möglichst gering halten.
Im September wurden in einem Sandsteinbruch im Weserbergland erstmals Spuren eines Velociraptor auf europäischen Boden entdeckt. Für die Wissenschaft ein sensationeller Fund, galt doch bislang Asien als Heimat dieses vogelähnlichen Dinosauriers. In der Wirtschaft versuchen Unternehmer dagegen derzeit ihre Fußspuren für die Nachwelt so klein wie möglich zuhalten. Angesichts des steigenden Bewusstseins um den Klimawandel hat sich der Carbon Footprint zu einem der begehrtesten Fußstapfen weltweit gemausert.
Das Carbon Disclosure Project (CDP), die international größte Klimaschutzinitiative von Finanzinvestoren, versammelt bereits 385 Banken und Finanzinstitute hinter sich; deren Vermögen addiert sich nach CDP-Angaben (Stand Ende Oktober) auf umgerechnet 41,5 Billionen Euro.
Die Projektteilnehmer wollen dem Klimaverhalten der Wirtschaftswelt mehr Transparenz verleihen. Deshalb fordern sie von sich und von ihren Kunden eine Bilanz des eigenen Treibhausgasausstoßes. 1 550 Unternehmen haben auf den diesjährig verschickten Fragebogen des CDP geantwortet.
Jeder soll sehen können, welchen „Fußabdruck“ ein Unternehmen mit seinen Emissionen in der Atmosphäre hinterlässt. Zum anderen erfährt der Wirtschaftsakteur selbst, welches individuelle CO2-Risiko er trägt. Somit entwickelt sich der Carbon Footprint als ein geeignetes Werkzeug, um das global-abstrakte Risiko der Erderwärmung auf Unternehmensebene herunterzubrechen.
Verantwortung für CO2-Ausstoß wächst
Auch deutsche Firmen nehmen die Verantwortung für ihren Kohlendioxid-Ausstoß ernst. Namhafte Finanzinstitute wie die Deutsche Bank und die Commerzbank, die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die LBBW oder Munich Re haben das CDP unterzeichnet; 111 von 202 deutschen Unternehmen haben den Fragebogen zu ihrer CO2-Last ausgefüllt. Etliche Anlagenbetreiber verdonnert der EU-Emissionshandel bereits zur CO2-Reduktion. Aber auch bei den übrigen Betrieben wollen Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber und nicht zuletzt die eigenen Mitarbeiter wissen, wie viel Kohlendioxid der Betrieb in die Luft bläst und mit welcher Strategie er dieser Tatsache entgegentritt.
Eine Antwort darauf gibt der Carbon Footprint, der sich aus Unternehmenssicht aus zwei Methoden berechnen lässt: Der Product Carbon Footprint zieht die Emissionen eines Produktlebenszyklus heran, betrachtet also jede Tonne CO2-Äquivalent entlang der Wertschöpfungskette eines Produkts von der Herstellung bis zu seiner Entsorgung. Je nach gewählter Systemgrenze kommen Vorlieferanten, Transporte oder die Produktverwertung bis zum Recycling hinzu. Der Corporate Carbon Footprint geht über den Radius der selbst verursachten CO2-Belastung hinaus und bezieht auch die Schadstoffquellen ein, welche sich jenseits der Eigenkapitalbeteiligung eines Unternehmens, seiner Finanz- oder Betriebskontrolle befinden.
CO2-Bilanz der gesamten Wertschöpfungskette
Klimaschutzberater und Analysten von CO2-Dienstleistern empfehlen Unternehmen vor allem auf die Berechnungstiefe, die Detailgenauigkeit und die Prozessorientierung eines CO2-Fußabdrucks zu achten.
„Die von den Unternehmen verursachte Menge CO2 erschließt sich nicht allein aus der benötigten Heizenergie, dem Stromverbrauch und der Mobilität“, erklärt Moritz Lehmkuhl, Geschäftsführer des Münchner CO2-Dienstleisters ClimateParter.
Um beispielsweise Einsparungspotenziale zu identifizieren und Reduktionsmaßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes ergreifen zu können, müssen die Unternehmensprozesse betrachtet und analysiert werden, sagt Lehmkuhl.
Bei seiner Arbeit achtet er nicht nur auf die großen Energieverbraucher, sondern schaut sich auch die kleineren Nebenschauplätze, wie die Fahrt der Mitarbeiter zum Arbeitsplatz oder externe Dienstleistungen etwa aus dem Transportsektor an. Zwar seien hier die Reduktionspotenziale geringer, aber im Hinblick auf die Motivierung der Mitarbeiter oder die Kundenkommunikation spielen sie eine große Rolle. „Freiwilliger Klimaschutz ist ein dynamischer Prozess bei dem Unternehmen durch langfristiges Engagement Erfolge erzielen – durch engagierte Mitarbeiter oder beispielsweise neue Kunden“, sagt Lehmkuhl.
Beitrag zum Risikomanagement
Der Carbon Footprint zeigt auf, wie ein Betrieb Kohlendioxid vermeidet, reduziert und nötigenfalls ausgleicht. Schlussendlich hilft der Fußabdruck Energieeffizienzpotenziale aufzudecken, den Energieeinsatz zu optimieren - und dadurch Kosten zu sparen.
Darüber hinaus leistet der Carbon Footprint einen Beitrag zum modernen Risikomanagement. Für Unternehmen und ihre Geldgeber werde es immer wichtiger, „das eigene CO2-Risiko zu erkennen“, betont denn auch Sebastian Gallehr, Geschäftsführer von Gallehr+Partner. Der CO2-Dienstleister aus Karben nahe Frankfurt leistet Pionierarbeit im Carbon Footprinting seit Oktober 2007.
Kennen die Unternehmen ihr CO2-Risiko, können sie vergleichen - die CO2-Bilanz ihrer eigenen Standorte, die Klimaposition ihrer Wettbewerber und auch ihre Stellung gegenüber dem Verbandsdurchschnitt. Teilnehmer am EU-Emissionshandel möchten abschätzen können, wie sie „stehen im Klimaspiel und welche Strategien sie entwickeln.“ Gallehr weiß, wovon er redet. Seit Ende der 90er berät er Industriekunden auf den Gebieten Klimastrategie, Emissionshandel und Risikomanagement. Die Politik gestaltet er als Vorstand des Unternehmensverbandes für nachhaltige Energie, kurz e5.
Dabei bestehe sein Unternehmen darauf, dass ein Mitarbeiter des Kunden im Projektteam sitzt. Denn „nur mit dem Prozesswissen des Kunden können wir die wirklichen Kosteneinsparpositionen erkennen“.
Glaubwürdigkeit erfordert Energieeffizienz
Der „anstrengendste Teil“ des Carbon Footprint sei gleich der erste - wenn der CO2-Dienstleister die Systemgrenzen erarbeitet und die dazu passende Methodologie entwickelt. In rund drei Monaten werde zusammen mit dem Kunden überlegt, welche Prozesse betrachtet, welche Emissionen „von-bis“ berücksichtigt werden. Ein Unternehmen mit hohem Energiebedarf könne sich auf die energieintensiven Produktionsprozesse konzentrieren, erklärt Gallehr. Dort schaut sich der Dienstleister gemeinsam mit den Prozessexperten des Kunden die energetischen Eingangs- und Ausgangsparameter an, etwa das benötigte Temperaturniveau und die erforderliche Leistung.
„Danach ordnen und plausibilisieren wir die Prozesse technisch neu“, fährt Gallehr fort. Für ein Pilotprojekt, das prototypisch für das Produktangebot des Kunden stehe, werde eine Grundmethodologie entwickelt. Diese kann der Berater dann vergleichsweise einfach auf die weiteren Produkte anwenden.
Nach dem aufwändigen ersten Teil führt der Footprinter aus Karben eine technische Machbarkeitsbetrachtung durch. Diese wird mit einer Grobanalyse der wirtschaftlichen Optionen kombiniert. Fünf Maßnahmen stellt Gallehr+Partner dem Kunden zur Wahl, mit denen jener Energiebedarf und Treibhausgasausstoß „wirtschaftlich und technisch sinnvoll“ zurückfahren kann. Eine Kosten-Nutzen-Aufstellung hilft ihm bei der Entscheidungsfindung. Hat er drei Maßnahmen gewählt, führt der Klimaschutz-Berater eine Feinanalyse durch und erstellt einen Umsetzungsplan. Nach Projektende bekommt der Kunde ein individuelles Controlling-Werkzeug an die Hand. Damit kann er sowohl seinen Carbon Footprint weiterverfolgen als auch die Wirtschaftlichkeit der durchgeführten Maßnahmen prüfen.
Standards bei Corporate Carbon Footprint sorgen für Transparenz
Der Corporate Carbon Footprint funktioniere nach ähnlichem Schema, führt Gallehr aus. Nur seien hier die Standards schon deutlich weiter entwickelt als beim Product Carbon Footprint. In Betracht kommen das THG-Protokoll des World Business Council for Sustainable Development sowie die ISO-Standards 14064-1:2006 und ISO 14065:2007.
Die Bündelung „wirtschaftlich-technischer Kompetenz“ ist es, welche Gallehr und seine Mitstreiter an dem Pioniervorhaben Carbon Footprint reizt. Der Ingenieur hat ein Team aus Technikern, Betriebswirten, Juristen um sich gesammelt. Dieses Netzwerk könne namentlich im Industriesektor mit langjähriger Erfahrung punkten. Komplexe betriebliche Zusammenhänge „technisch begreifen und kaufmännisch umsetzen“ bezeichnet er als das Vorzeigemerkmal seines Unternehmens. Sein Ziel, mit dem Carbon Footprint Marktführer in Deutschland zu werden, klingt ehrgeizig - und nach einem Haufen Arbeit: Allein der Mittelstand des produzierenden deutschen Gewerbes stellt nach einer Gallehr+Partner-Schätzung 18 000 Unternehmen mit durchschnittlich fünf Produkten. Die alle noch auf ihren Footprint warten. Die Arbeit aber werde sich lohnen, gibt sich Gallehr überzeugt. Kein anderes Vorgehen liefere einem Betrieb eine bessere Grundlage, die eigenen Energieeffizienzpotenziale zu erkennen, meint der Unternehmer. „Klima ist am Ende des Tages immer Energie“, sagt er ganz pragmatisch. Je höher die Rohstoff- und Ölpreise kletterten, desto relevanter werde es für die Wettbewerbsposition eines Unternehmens, wie es seine Energie einsetze.
Ähnlich wie beim Corporate Carbon Footprint soll es demnächst einen Standard für den Product Carbon Footprint geben.
Die von der britischen Regierung gegründete Organisation Carbon Trust entwickelt derzeit den so genannten PAS 2050:2008, der Ende Oktober eingeführt werden sollte. Nicht nur Unternehmen wie Gallehr+Partner oder ClimatePartner würden harmonisierte Vorgaben die Arbeit erleichtern. Auch der Verbraucher kann auf ein einheitliches Carbon Footprint-Label hoffen, das die bislang recht bunte CO2-Kennzeichnung ablösen würde. Die EU bemühe sich nach Kenntnis von Gallehr um eine Harmonisierung im Sinne des PAS 2050.
Mindestens ebenso wichtig wie transparente Standards für den Carbon Footprint sind aber auch die Energie- und CO2-Reduktionspotenziale.
„Glaubwürdiger Klimaschutz setzt den bewussten und schonenden Umgang mit Energie voraus“, berichtet Lehmkuhl und er weiß, dass viele glauben das Thema im Griff zu haben und gar nicht wissen würden, was alles möglich ist. So hat sein Unternehmen im Rahmen seiner Beratungstätigkeit mehr als 200 Wärmeerzeugungsanlagen untersucht, lediglich acht Anlagen seien korrekt eingestellt gewesen. „Emissionen reduzieren bedeutet Kosten senken“, resümiert Lehmkuhl. Auf die CO2-Spurenleser kommt wohl noch einige Arbeit zu.
Autoren: Heidrun Rothweiler, Kai Eckert
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