Thema: Braunkohle
Braunkohle: Ja bitte – nein danke
Im Mai 2008 hat Uwe Leprich im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/die Grünen ein Gutachten über den Braunkohlenausstieg in Ostdeutschland beendet. Über das Gutachten diskutierten am 24. Juli Reinhardt Hassa, Vattenfall Europe Mining & Generation AG, und Uwe Leprich, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.
E&M: Herr Hassa, Sie müssen sich freuen: Ein Professor zerbricht sich auf Kosten der Grünen Ihren Kopf …
Hassa: Ich frage mich erst einmal, ob da sinnvoll Kosten entstanden sind, egal ob für meinen Kopf oder für andere Köpfe.
E&M: Jedenfalls hat Herr Leprich Ihnen als verantwortlichem Unternehmensführer gezeigt, dass Sie das Falsche oder wahrscheinlich Falsche machen …
Hassa: Und das verwundert uns sehr. Immerhin tragen wir Verantwortung gegenüber unseren Anteilseignern, warum will uns diese Verantwortung eigentlich jemand abnehmen.
E&M: Herr Leprich wird Ihnen sicher gleich sagen, dass Sie auch Verantwortung gegenüber der Umwelt haben …
Leprich: Jedenfalls haben wir uns keine Gedanken über das augenblickliche Geschäftsmodell von Vattenfall gemacht, sondern – und das ist Aufgabe der Wissenschaft – unseren Blick in die Ferne schweifen lassen, um zu prüfen, ob die Perspektive der Braunkohle kompatibel ist mit dem Klimaschutz. Unser Ergebnis: Mit den vorhandenen Tagebauen lassen sich die existierenden Braunkohlekraftwerke bis 2030 betreiben, und dann wird es klimapolitisch kritisch, auf diesem hohen Niveau an der Braunkohlenverstromung festzuhalten. Dabei ist wichtig, dass die erneuerbaren Energien in den neuen Bundesländern, insbesondere auch in Brandenburg, eine noch größere Dynamik haben als in den alten Bundesländern. Und das sollte man nutzen, den Braunkohlepfad ab 2030 zu verlassen, weil er sich eben nicht mit den langfristigen klimapolitischen Zielen vereinen lässt – es sei denn, Vattenfall verlässt sich auf den Joker CCS.
„CCS ist nicht unser einziger Joker“
E&M: Herr Hassa, Herr Leprich hat Ihnen vorgerechnet, dass Sie dabei keinen betriebswirtschaftlichen Schaden haben, weil sich die Kraftwerke dann längst amortisiert haben. Aber Sie wollen auch 2050 noch mit der Braunkohle Geld verdienen?
Hassa: Herr Leprich, Sie verkennen ein bisschen die Zeithorizonte: Braunkohle ist ein Langfristgeschäft, das nicht von Ein- oder Zweijahresergebnissen lebt, auch nicht von Dekaden, sondern von Generationen. Was wir nach 2030 tun, das müssen wir schon heute planen.Für mich verwunderlich an Ihrem Gutachten: Sie zeigen eine Entwicklung für einen Teil Deutschlands, als ob wir nicht ganz Deutschland hätten – Klima und Energie lassen sich nicht auf Regionen begrenzen. Wir tragen also mit unseren Entscheidungen jetzt Verantwortung für die nächsten Jahrzehnte und sind deshalb sehr früh in die Technologieentwicklung zur CO2-Vermeidung gegangen. CCS ist nicht unser einziger Joker.
E&M: Herr Leprich, in wenigen Wochen wird die CCS-Versuchsanlage am Standort Schwarze Pumpe in Betrieb genommen: Sie haben Zweifel, dass die Technik funktioniert?
Leprich: Mal mehr an die Klimaschutzziele 2050 gedacht: Herr Hassa, wenn Sie, wenn RWE, weiterhin an den Verstromungsplänen mit Braun- oder auch Steinkohle festhalten, wie wollen wir dann 80 oder 90 Prozent weniger CO2 schaffen? Doch nur mit dem einzigen Joker CCS.
Hassa: Oder eben mit erneuerbaren Energien, die nach Ihrer Meinung alles andere vom Markt verdrängen werden …
Leprich: Ernsthaft: CCS ist schon eine Option, die sehr umfassend untersucht werden muss, was Sie ja auch tun. Gleichzeitig sagt ein Herr Tacke (Alfred Tacke ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Evonik Steag GmbH in Essen; die Red.), dass CCS nur ein Alibi ist und sowieso nicht funktioniert.
E&M: Bei CCS geht es ja nun um mehrere Dinge: Funktioniert die Technik, was kostet das Verfahren wirklich, und wie hoch werden irgendwann die Zertifikatepreise für CO2 sein? Herr Hassa, haben Sie gar keine Bedenken?
Hassa: Ich wehre mich insbesondere dagegen, dass CCS und die Braunkohle die einzigen Optionen sind, CO2 zu reduzieren. Braunkohle deckt zwölf Prozent unseres Primärenergiebedarfs, worüber reden wir also?
Leprich: Das habe ich doch auch gar nicht gesagt.
Hassa : Aber Sie greifen die Braunkohle als unsere einzige heimische Energiequelle an, und das ist für mich eine etwas schräge Diskussion. Und Sie betrachten in Ihrem Gutachten nur die Lausitz, als ob es in Westdeutschland nicht auch Braunkohle gäbe.
Leprich: Dazu hat es schon viele Studien gegeben.
E&M: Herr Leprich, CCS funktioniert nicht, wird zu teuer, Vattenfall bekommt ihren Strom nicht mehr los: Was kümmert es Sie?
Hassa: Wenn das so lukrativ wäre mit den Erneuerbaren, dann würde uns das schon selbst einfallen.
Leprich: Jedenfalls will Vattenfall ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 halbieren, was sehr ehrgeizig ist, und man hört von Ihnen nur CCS und weiter nichts. Das macht uns schon besorgt.
Hassa: Dann haben Sie unsere Publikationen nicht aufmerksam gelesen, sonst wüssten Sie, dass wir auf dem Gebiet der Regenerativen aktiv sind und uns beispielsweise am ersten deutschen Wind-Offshorepark Alpha Ventus beteiligen, dass wir in Skandinavien der größte Windkraftbetreiber sind.
Leprich: Es bleibt dabei: Sie wollen die Braunkohlenverstromung auf dem jetzigen Niveau erhalten und trotzdem die CO2-Emissionen halbieren …
Hassa: … und haben mit gut 20 Prozent schon jetzt fast die Hälfte des Weges hinter uns …
Leprich: Gegenüber 1990?
Hassa: Klar, es wird doch alles gegen 1990 gerechnet.
Leprich: Dann fehlen Ihnen jährlich noch stramme 25 Millionen Tonnen.
Hassa: Stimmt.
Leprich: Und dafür haben Sie nur CCS …
Hassa: Für die Braunkohle, ja.
Leprich: Und damit stimmt doch, was ich sage: Wenn Ihr einziger Joker nicht sticht, dann müssen Sie die Braunkohlenverstromung zurückfahren.
Hassa: Jetzt muss ich es auch sagen: Warum zerbrechen Sie sich meinen Kopf?
Leprich: Weil es schlimm wäre, wenn sich Wissenschaftler nicht etwas weitergehende Gedanken machen würden.
Hassa: Dafür haben Sie jedenfalls keinen in unserem Unternehmen gefragt, Ihre Konsultanten sind fast ausnahmslos Braunkohlekritiker. An vielen Stellen steht, dass etwas nicht weiter untersucht wurde.
Leprich: Das stimmt, es war auch keine 500 000-Euro-Studie.
Hassa : Sie haben auf Ihr Gutachten aber vorne nicht draufgeschrieben, dass es eine Studie von Aldi, und deshalb nicht vollkommen ist.
Leprich: Mit der angeblich geringen Qualität bei Aldi sollte man vorsichtig sein.
E&M: Herr Leprich, zum Wissenschaftler: In Ihrem Gutachten mauern Sie 80 Prozent CO2-Reduzierung fest und ziehen daraus Schlussfolgerungen eben für die Braunkohle und für erneuerbare Energien. Die 80 Prozent sind bis heute aber mehr eine Spielzahl als ein festgezurrter Fakt.
Leprich: Die 80 Prozent kann man nicht vom Tisch wischen, und nach den Meseberg-Beschlüssen gehe ich schon von einer weitgehenden Dekarbonisierung in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts aus. Ob das dann nur 75 oder 70 Prozent sind, ist unerheblich: In jedem Fall stellt sich die Kohlefrage nach 2020 sehr viel radikaler als heute. Kraftwerke, die 2010 in Betrieb gehen, sollen ja mindestens 40 Jahre lang laufen. Und da frage ich mich, wenn alle geplanten Projekte verwirklicht würden, wie sollen wir dann mit dem CO2 runterkommen. Gott sei Dank sind einige Projekte auf Eis gelegt worden.
Hassa: Auch weil es Widerstand in der Öffentlichkeit gab, und Betreiber dann einfach sagen, dass sie alte Blöcke weiterlaufen lassen.
Unsere Strategie ist, dass wir alles an Kraft und Know-how in die Entwicklung von CCS stecken, damit wir unsere alten Kraftwerke ersetzen können. Verzögern, warten, vertagen, das gibt es bei uns nicht: Wir beschleunigen.
„Der Beitrag der Braunkohle zur Wertschöpfung und zur Beschäftigung ist gering“
E&M: Energie und Arbeitsplätze stehen auch in Brandenburg für die Politik sehr nahe beieinander. Herr Leprich sagt, dass Braunkohle immer produktiver wird und somit Arbeitsplätze abgebaut werden, die Erneuerbaren seien dagegen ein Jobmotor. Beides ist sicher wahr, oder kann man darüber streiten, Herr Hassa?
Hassa: Da kann man sicher streiten …
E&M: Dann machen Sie mal.
Hassa: Der Jobmotor erneuerbare Energien besteht aus vielen kleinen Antriebsmotoren; jeder Handwerker, der mal an einer Schraube bei einer Solaranlage gedreht hat, wird dazu gezählt, auch wenn er hauptsächlich konventionelle Heizanlagen installiert. Was ich damit sagen will: Es gibt keine vernünftigen Statistiken, so wie wir sie in der Braunkohlenwirtschaft haben.
E&M: Herr Leprich sagt, dass man sich Ihre Zahlen mühsam zusammentragen müsse …
Leprich: Genau so ist es.
Hassa: Ihre Auftraggeber haben wirklich nicht genug bezahlt, denn ein bisschen Telefongeld hätte genügt, und Sie hätten einigermaßen tadellose Zahlen bekommen. Aber Sie haben schon recht: Die Braunkohlenindustrie ist ausgereift, und wenn es kein Förderwachstum gibt, dann gibt es auch bei den Arbeitsplätzen eine Stagnation. Und was die Situation bei den Erneuerbaren angeht: Die beinhalten mehr Kosten als an Lohn gezahlt wird, weil sie subventioniert sind. Das hätten sie in Ihrem Gutachten auch schreiben können.
Leprich: Wir haben das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz; die Red.), richtig, aber auch richtig ist, dass wir schon recht genaue Statistiken zu den Mitarbeiterzahlen im Bereich der Erneuerbaren haben, bei denen nicht jeder Kleinstarbeitsplatz mitgerechnet wird.
Hassa: Das gebe ich ja gerne zu.
Leprich: Und was man sehen muss, dass wir bei allen Erfolgen bei den Erneuerbaren immer noch am Anfang stehen. Auffällig für mich war bei der Braunkohle, dass ihr Beitrag zur Wertschöpfung und auch zur Beschäftigung relativ gering ist. Überraschend war zudem, dass alle untersuchten Indizes zeigen, dass die Branche nicht wirklich zukunftsfähig ist: Es fehlen Existenzgründungen, es fehlt jede Dynamik.
„Aus dem Bergbau heraus werden zukunftsfähige Technologien entstehen“
Hassa: Dabei darf man nicht vergessen, was speziell wir als Vattenfall in der Lausitz vorfanden: Nämlich das Ergebnis einer seit 1990 vorherrschenden verfehlten Privatisierungspolitik. Und dass solche Gebiete nicht auf den vorderen Rängen in Zukunftsfähigkeitsstudien stehen, hat seine Ursache auch darin, dass aus der Entwicklung der DDR heraus Monostrukturen entstanden sind. Wir sind erst am Anfang des Aufbaus einer Langfristigkeit für den Bergbau: Wir werden dazu beitragen, dass aus dem Bergbau heraus moderne Kraftwerkstechnik und zukunftsfähige Technologien entstehen.
Leprich: Ich habe da schon etwas Sorge, dass den Menschen von Ihnen sichere Arbeitsplätze versprochen werden, und wenn Sie das nicht halten können, dann fallen die Menschen in ein ziemlich tiefes Loch. Ich habe da Erfahrungen aus dem Saarland.
E&M: Nun sagen Sie doch mal konkret, Herr Hassa, was Sie für die Entwicklung der Wirtschaft in Brandenburg tun.
Hassa: Außer dass wir unser ureigenes Geschäft nach vorne bringen, kooperieren wir auf unterschiedlichsten Gebieten mit Unternehmen in der ganzen Region. Wir sind bei Solaranlagen dabei, wir begleiten die Agrarwirtschaft, wovon wiederum die Nahrungsmittelindustrie, der Naturschutz und die Freizeitindustrie profitieren. Außerdem sind wir und unsere Vorgängerunternehmen seit Anfang der 90er Jahre maßgeblich am Aufbau der BTU Cottbus beteiligt.
Leprich: Nun zerbreche ich mir nochmal Ihren Kopf: Ihr Portfolio in der Stromerzeugung ist mit Kernenergie und Braunkohle recht einseitig und sehr problematisch. Beim RWE sieht das ähnlich aus, aber die zerbrechen sich nun im Sinne ihrer Aktionäre den Kopf, mit Milliardenbeträgen in die Bereiche der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz einzusteigen. Sie haben bei den Erneuerbaren einen Anteil von 0,2 Prozent und man hört wenig über konkrete Zukunftspläne, das Portfolio zu diversifizieren.
Hassa: Der Anteil der erneuerbaren Energien in unserer Gruppe liegt bei ungefähr 30 Prozent.
Leprich: In Deutschland aber eben bei quasi Null.
Hassa: Ja, aber Sie sind im Durchschnitt auch nur ein Mann und Ihre Frau ist eine Frau.
Leprich: Na ja, man muss schon auch den deutschen Markt betrachten.
Hassa: Aber doch nicht ausschließlich. Es gibt Konzerne, die bauen in einem Land einen PKW und im anderen einen LKW, so ähnlich ist das auch in unserer Gruppe. Wir haben viel Wind und Wasser im Norden, und auch aus historischen Gründen hier wenig Erneuerbare, die wir aber ausbauen werden. Dafür sind wir aber das Unternehmen, das die Einspeisung erneuerbarer Energien in die hiesigen Übertragungsnetze überhaupt erst möglich macht, denn wir sind der größte Pumpspeicherkraftwerksbetreiber und haben in der Vergangenheit Milliardenbeträge in die Erneuerung und den Ausbau unserer Kraftwerke und Netze investiert.
E&M: Herr Leprich, in Brandenburg gibt es Bürgerinitiativen gegen nahezu jede Energieform: Gegen Braunkohle, gegen Windkraft, gegen Photovoltaik, gegen Gas, gegen den Netzausbau. In Ihrem Gutachten stehen die Ausbaupotenziale für alle Erneuerbaren in Brandenburg: Grau ist alle Theorie?
Leprich: Es gab zu allen Zeiten Widerstände gegen spezielle Anlagen für erneuerbare Energien, und das ist auch gut so, weil es auch da Anlagen gibt, die keinen großen Sinn machen. Eine flächendeckende Bewegung vermag ich aber nicht zu erkennen. Und: Der Widerstand gegen Kohlekraftwerke ist ein anderes Kaliber, weil es sich massiv um Umweltbelastungen in der Region handelt.
Hassa: Hat das nicht auch damit zu tun, dass es sich bei Kohlekraftwerken um große Unternehmen handelt, gegen die man sich einfacher und lieber organisiert, denn auch bei der Kohle handelt es sich um lokale Auswirkungen.
Leprich: Wenn Sie ein 1 600 MW-Kohlekraftwerk bauen, dann muss man schon mal über deutliche Belastungen beispielsweise durch Feinstäube sprechen.
Hassa: Moment: Die Belastungen dadurch sind unerheblich.
Leprich: Das sagen Sie.
Hassa: Das ist so. Sie können doch nicht erzählen, dass die Kraftwerke die Feinstaubemittenten in diesem Land sind.
Leprich: Jedenfalls gibt es an einzelnen Standorten heftige Diskussionen dazu und es wird auf die ohnehin belastende Situation noch etwas draufgesetzt. Aber lassen Sie mich noch etwas zu dem Widerstand gegen die Großen sagen: Das stimmt so nicht, denn er richtet sich auch gegen kleine kommunale Unternehmen, weil die Leute verstanden haben, dass große Kraftwerke die Hälfte der Primärenergie achtlos wegwerfen und auf Dauer ein Problem sein werden.
Hassa: Warum engagieren Sie sich immer gegen den Bau von Kraftwerken, tun Sie doch was für mehr Energieeffizienz, dann werden automatisch weniger Kraftwerke gebraucht.
„Für mich ist Klimaschutz, und nicht das Einheimische der Leitstern“
Leprich: Da rennen Sie bei mir aber ganz offene Türen ein; aber das Problem dabei ist, Effizienz zu organisieren. Der Gesetzgeber glaubt, man müsse die Leute nur beraten, dann laufe das von selbst. Dem ist aber nicht so. Wir brauchen eine organisierte Schrumpfung von Absätzen, und die Frage dabei ist, ob es politisch Chancen dafür gibt.
Hassa: Was wir wirklich organisieren müssen, ist das, dass wir nicht die einheimische Energie vom Markt nehmen und bei möglichen Verknappungen nur noch nach erneuerbarer Energie suchen.
Leprich: Da bin ich nicht bei Ihnen, denn für mich ist der Klimaschutz und nicht das Einheimische der Leitstern.
Hassa: Natürlich muss das einheimische klimafähig sein, das ist doch klar.
E&M: Herr Leprich, sprechen wir bei den Erneuerbaren nicht automatisch über einheimisch?
Leprich: Nicht unbedingt.
E&M: Solarstrom aus Afrika?
Leprich: Das ist eine Option, die ich nicht von mir weise, auch Biomasseimporte nicht, denn wir leben in einer verflochtenen Weltwirtschaft, und ich ziele nicht auf Energieautarkie.
Hassa: Warum machen Sie dann solche Dorfstudien wie die über Ostdeutschland?
Leprich: Das ist kein Widerspruch: Man muss strukturelle und globale Aspekte aufgreifen.
E&M: Herr Leprich, welchen Zeithorizont sehen Sie denn für die Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren? Bei der Braunkohle wissen wir ja nun, was sie kostet, dass sie halbwegs stabile Preise hat und nicht subventioniert wird.
Hassa: Da muss ich Sie korrigieren, Herr Sendner: Wir haben kalkulierbare und halbwegs konstante Kosten, und die Preise bildet der Markt.
Leprich: Also zunächst mal bin ich nicht so optimistisch wie viele andere, dass wir im Jahr 2050 schon 100 Prozent Energie aus Erneuerbaren haben werden, aber wir müssen deutlich über 50 Prozent sein. Und das formulierte Ziel, im Jahr 2020 bei 30 Prozent angelangt zu sein, wird ganz neue Herausforderungen an uns stellen, die sich aber mit einer guten dezentralen Vernetzung und mit Speichermöglichkeiten, die zu den Schlüsseltechnologien gehören, meistern lassen.
E&M: Und Herrn Hassa raten Sie weiterhin, dass er 2030 mit der Braunkohle aufhören soll?
Leprich: Dass er sich Gedanken macht, wie er nach 2030 die Braunkohlenverstromung runter fährt und 2050 beendet.
Hassa: Und von Ihnen bekommen wir dann ein Gutachten im Auftrag von wem auch immer, was wir mit unseren Beschäftigten machen. Außerdem: Ohne neue Tagebaue in Angriff zu nehmen, kommen wir gar nicht bis 2030.
Hassa contra Leprich
Am 5. Mai haben Uwe Leprich und seine Mitarbeiterin Eva Hauser vom Institut für Zukunfts-Energie-Systeme (IZES) in Saarbrücken ihr 86-seitiges Gutachten dem Auftraggeber, die Bundestagsfraktion Bündnis 90/ die Grünen, übergeben. Der Titel des Papiers:
Braunkohleausstieg in Ostdeutschland – technologische, regionalwirtschaftliche und beschäftigungspolitiische Konsequenzen einer Umstellung auf eine Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien – Möglicher Beitrag zur Abscheidung von CO2 zur Reduzierung ostdeutscher Treibhausgasemissionen.
Der Inhalt des umstrittenen Gutachtens in aller Kürze:
– Der erschlossene Braunkohlentagebau reicht aus, die vorhandenen Kraftwerke bis zum Jahr 2030 nahezu unvermindert zu beschäftigen
– Neue Tagebaue sollten nicht mehr erschlossen, neue Kraftwerke nicht mehr gebaut werden
– Die Carbon Capture and Storage-Technik (CCS; Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid) ist eine ungewisse Zukunftsoption für den Klimaschutz
– Erneuerbare Energien können die Braunkohle komplett ersetzen
– Der Braunkohlentagebau und die damit verbundene Verstromung sind unter den vorgegebenen Klimaschutzzielen nicht zukunftsfähig; es entsteht keine weitere wirtschaftliche Dynamik, Arbeitsplätze werden weniger
– Die erneuerbaren Energien schaffen notwendige neue Strukturen und neue Arbeitsplätze
Über das Gutachten diskutierten am 24. Juli Reinhardt Hassa, Vattenfall Europe Mining & Generation AG, und Uwe Leprich, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.
Reinhardt Hassa
wurde 1952 im ostdeutschen Dornreichenbach geboren. An der Hochschule Zittau studierte er Maschineningenieurwesen und begann seinen Berufsweg im Kraftwerk Jänschwalde. Nach der Wiedervereinigung schaffte es Hassa in den Vorstand der Veag Vereinigte Energiewerke AG, die später von der Vattenfall Europe übernommen wurde, wo Hassa als Verantwortlicher für die Kraftwerke in den Gesamtvorstand aufrückte. Nach der Rekonstruktion des Konzerns 2008 wurde der verheiratete Vater zweier Kinder Vorsitzender des Vorstandes der Vattenfall Europe Mining & Generation AG. Seit März 2008 hat er eine Honorarprofessur im Fachbereich Energiewirtschaft/Kraftwerksmanagement an der Fachhochschule Zittau/Görlitz.
Uwe Leprich
hat an der Uni Bielefeld Volkswirtschaft studiert und dort auch promoviert. 1995 wurde der 1959 Geborene Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Technik des Saarlandes, seit 2003 ist er dort Fachbereichsvorsitzender für Wirtschaftsingenieurwesen und gleichzeitig Leiter des IZES. Leprich beschäftigt sich intensiv mit Wirtschaft und Umweltschutz von Energieversorgern im liberalisierten Energiemarkt. Im 14. Deutschen Bundestag war er Mitglied der Enquete Kommission „Nachhaltige Energieversorgung“.
Autoren: Jan Mühlstein, Helmut Sendner
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